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Was ist FGC?

Die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von weiblicher Genitalbeschneidung, die beispielsweise von den Vereinten Nationen und der Europäischen Union anerkannt wurde, beschreibt diese als Überbegriff für diejenigen Verfahren, bei denen die externen Genitalien teilweise oder vollständig entfernt oder anderweitig verletzt werden, ohne dass es dafür eine medizinische Notwendigkeit gäbe. Es wird außerdem zwischen vier verschiedenen Typen von FGC unterschieden. Da es sich in der Realität meist um Zwischenformen handelt, die sich je nach Region und Volksgruppe sehr stark voneinander unterscheiden können, sollen die vier Kategorien nur einen groben Überblick über grundlegende Unterschiede geben.

Typ I: Klitoridektomie

Bei der Klitoridektomie wird die Klitoris zu Teilen oder sogar vollständig entfernt. Wenn nur die Klitorisvorhaut entfernt wird, spricht man auch von der kleinen Sunna.

Typ II: Exzision

Bei der Exzision werden die inneren Schamlippen entfernt. Sie wird meist zusätzlich zur Klitoridektomie durchgeführt, teilweise aber auch alleine. 

Typ III: Infibulation

Bei der Infibulation wird die vaginale Öffnung so eng verschlossen, dass nur noch ein winziges Loch übrigbleibt, durch das Urin, Vaginalsekrete und Blut ausgeschieden werden können. Die inneren und/oder die äußeren Schamlippen werden amputiert und die verbleibende Haut zusammengenäht. Auch hier kann die Klitoridektomie zuvor durchgeführt worden sein. 10% aller von FGC betroffenen Frauen und Mädchen wurden infibuliert. Da die Infibulation das Verschließen der Vulva beschreibt, ist eine Defibulation folglich das Öffnen des Verschlusses. Dazu kommt es etwa beim Geschlechtsverkehr oder vor einer Geburt. Nicht selten wüschen sich Frauen, nach einer Defibulation bzw. nach einer Geburt wieder verschlossen zu werden, was dann als Reinfibulation bezeichnet wird.

Typ IV

Eingriffe, die bisher nicht genannt wurden und auf irgendeiner Weise die weiblichen Genitalien entfernen oder verletzen, ohne dass es einen medizinischen Grund dafür gäbe, fallen unter Typ 4.  Sie können etwa in der Form von Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Scheuern und Verätzen des Genitalbereichs auftauchen.

Begriffe und Begriffsempfehlungen

Bisher konnten sich Betroffene, Aktivist*innen und medizinisches Personal nicht auf einen einheitlichen Begriff für die Eingriffe einigen. Weshalb auf dieser Website der Begriff FGC verwendet wird, welche Bezeichnungen es für die Beschneidung weiblicher Genitalien außerdem gibt und was jeweils für oder gegen deren Verwendung spricht, soll im Folgenden aufgezeigt werden.
Natürlich hat jede FGC praktizierende Gruppe noch einmal ihre eigene Bezeichnung für den Eingriff und verbindet eigene Werte damit. Es folgen jedoch ausschließlich deutsche und englische Begriffserklärungen für den internationalen Diskurs über die Praktik.

Weibliche Beschneidung und Mädchenbeschneidung / Female Circumcision

Als man anfing, auf internationaler Ebene über die Eingriffe zu sprechen, wurde meistens der Begriff der weiblichen Beschneidung verwendet. Da man dadurch jedoch auf eine Gleichstellung mit der Beschneidung von Jungen und Männern schließen könnte, die nicht sinnvoll ist, wurde diese Bezeichnung von Aktivist*innen nicht weiterverwendet. Sie bringe die Qual der Praktik nicht angemessen zum Ausdruck.

Weibliche Genitalverstümmelung / Female Genital Mutilation, FGM

Um die Unterschiede zur Jungenbeschneidung also hervorzuheben und im Namen schon auf die Verletzung von Menschenrechten hinzuweisen, wurde der Begriff der weiblichen Genitalverstümmelung eingeführt und von afrikanischen Aktivist*innen aus dem Inter-African-Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children (IAC) in die Welt getragen. Auch die WHO verwendet diese Bezeichnung.

Weibliche Genitalbeschneidung, Female Genital Cutting, FGC

Sehr viele der betroffenen Frauen kritisieren jedoch den Begriff „Verstümmelung“, nehmen sich selbst nicht als verstümmelt wahr und möchten auch nicht so bezeichnet werden. Die Stigmatisierung der Betroffenen, die durch diesen Begriff stattfindet, schreckt ab und verhindert eine respektvolle Auseinandersetzung mit den Betroffenen sowie dem Thema. Um also die weibliche Genitalbeschneidung nicht mit der Jungenbeschneidung gleichzusetzen und gleichzeitig die Stigmatisierung der beschnittenen Frauen zu vermeiden, wurde Ende der 1990er der Ausdruck Female Genital Cutting  (FGC) eingeführt. Auf deutsch wird der Unterschied zwischen circumsicion und cutting leider nicht erkennbar. 
Das Inter-African-Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children kritisiert den Begriff FGC jedoch heftig und sieht ihn als Verharmlosung.

Female Genital Mutilation/Cutting, FGM/C

Durch die Kombination der Begriffe FGM und FGC zu einer Art Kompromiss, nämlich FGM/C, soll erreicht werden, dass sich sowohl betroffene Frauen und Kulturkreise als auch Menschenrechtsorganisationen oder Institutionen derselben Bezeichnung bedienen und ein gemeinsames Begriffsfundament haben.

Problematik der Berichterstattung von außen

Manche Organisationen empfehlen, je nach Zielgruppe und Art der Kommunikation unterschiedliche Begriffe zu verwenden. Da sich Betroffene durch die Verwendung der Bezeichnung „Verstümmelung“ jedoch offensichtlich stigmatisiert und in ihren Bedürfnissen nicht respektiert fühlen, soll auf dieser Website ausschließlich der Begriff FGC bzw. weibliche Genitalbeschneidung verwendet werden.
Die Bezeichnung Verstümmelung gibt beschnittenen Frauen das Gefühl, dass nicht nur die Praktik, sondern auch die von ihr betroffenen Menschen verurteilt werden. Sie wollen daher auch nicht als Opfer (Victims), sondern als Überlebende (Survivors) angesprochen werden.
Die von der Genitalbeschneidung betroffenen Frauen und ihre Angehörigen fühlen sich oft aus Diskursen zur Thematik der Genitalbeschneidung bei Frauen ausgeschlossen, obwohl doch gerade ihre Stimmen gehört werden sollten.

Folgen für Betroffene

Weibliche Genitalbeschneidung ist eine Menschenrechtsverletzung, die für die weltweit über 200 Millionen betroffenen Mädchen und Frauen lebenslange körperliche, psychologische und soziale Folgen nach sich zieht und sich langfristig auf die gesamte Gesellschaft nachteilig auswirkt. Dennoch wird laut UNICEF (2014) alle 11 Sekunden ein weiteres Mädchen an den Genitalien beschnitten. Je nach Beschneidungsform unterscheiden sich auch die Komplikationen, unter denen Mädchen und Frauen nach der Genitalbeschneidung leiden. Im Folgenden sollen einzelne kurz- und langfristige körperliche, psychische und soziale Folgen aufgelistet und erläutert werden.

Akute Folgen

Schmerzen

Während und unmittelbar nach der Beschneidung leiden die Betroffenen oft unter extrem starken Schmerzen, da bei den Eingriffen viele Nervenbahnen beschädigt werden können. Die Schmerzen führen auch zu einer vorübergehenden Bewegungsbehinderung der Betroffenen.

Blutverlust

Werden Blutgefäße verletzt, können die Mädchen und Frauen außerdem lebensbedrohlich viel Blut verlieren.

Infektionen

Eine Beschneidung mit unsauberen Instrumenten sowie eine unzureichende Wundversorgung erhöhen das Infektionsrisiko (etwa mit HIV, Hepatitis, Tetanus, Blutvergiftung usw.).

Harnwegsprobleme

Die Schmerzen, die die Betroffenen nach dem Eingriff beim Wasserlassen haben, können dazu führen, dass sie Toilettengänge so lange wie möglich hinauszögern. So schwillt die Harnröhre an und bildet ein Ödem. Dabei kann es zu weiteren Infektionen und langfristigen Beeinträchtigungen kommen.

Zusätzliche Verletzungen

Während des Eingriffs kann es auch zu ungewollten weiteren Verletzungen kommen, etwa durch mangelndes medizinisches Wissen der Person, die die Beschneidung durchführt oder durch Verteidigungsversuche der Betroffenen.

Schock

Zu Kreislaufstörungen und -zusammenbrüchen kann es durch Infektionen, Blutverlust sowie große Schmerzen kommen. Die Schocks enden oft tödlich.

Tod

In manchen Fällen kommt es durch die aufgezählten akuten Folgen einer Beschneidung zum Tod der Betroffenen.

Chronische Folgen

Harnwegserkrankungen

Frauen, deren Beschneidung in Typ III kategorisiert wird, brauchen bis zu eine Stunde, um ihre Blase zu entleeren. Das liegt entweder daran, dass der Urin bei einer infibulierten Frau nur durch eine winzige Öffnung ausfließen kann oder die Harnröhre ist bei dem Eingriff verletzt worden. Harnrückstände, die sich anstauen, erhöhen das Risiko für die Entstehung von chronischen Harninfekten und Nierenentzündungen (vgl. Fana Asefaw, 2017). Bei allen Beschneidungsformen besteht eine erhöhte Infekthäufigkeit im Urogenitalbereich. Auch Inkontinenz kann eine Folge von FGC sein. Viele Frauen trinken aus Angst vor den Beschwerden beim Wasserlassen zu wenig. Das begünstigt wiederum Stoffwechselerkrankungen, Steinbildungen und weitere Infektionen.

Menstruationsprobleme

Da der Scheideneingang bei infibulierten Frauen verengt oder teilweise ganz verschlossen ist, dauert die Menstruation bis zu zwei Wochen länger und verläuft schmerzhafter als bei nicht beschnittenen Frauen oder bei Frauen, deren Beschneidung unter Typ I oder II fällt. Bei infibulierten Frauen besteht während der Menstruation nochmal ein höheres Infektionsrisiko, da sich das Blut anstaut, was sogar zur Sterilität führen kann. Bei allen Beschneidungsformen besteht eine erhöhte Infekthäufigkeit im Urogenitalbereich.

Komplikationen des Narbengewebes

Nachdem die Wunde verheilt ist, können sich Narbenwülste und -verziehungen, Nervenfaserwucherungen oder Fisteln und Abszesse bilden, die beim Bewegen und bei Berührungen extrem schmerzen können.

Psychische Konsequenzen

Die Betroffenen, die oft nicht ahnen, was mit der Beschneidung auf sie zukommt, erleben häufig einen enormen Vertrauensbruch zu den Personen in ihrem Umfeld. Auch durch traumatische Erfahrungen ausgelöste Angststörungen, Depressionen und Suizid sind mögliche psychologische Konsequenzen einer weiblichen Genitalbeschneidung.
Tatsächlich leiden beschnittene Frauen aber besonders dann psychisch, wenn sie ihre Ursprungskultur verlassen und für ihr Beschnitten-Sein auf einmal stigmatisiert und ausgegrenzt werden (vgl. Fana Asefaw, 2017). Das wirkt sich auf die Selbstwahrnehmung der genitalbeschnittenen Frauen aus. Sexuelle Störungen und ein negatives Körpergefühl sowie eine (erneute) Traumatisierung können die Folge sein. Ein respektvoller Austausch (etwa durch das Weglassen der Bezeichnung „Verstümmelung“ oder durch die Verwendung des Begriffs „Überlebende“ anstatt „Opfer“) und eine Begegnung auf Augenhöhe können den Diskurs mit den Akteur*innen und die Aufklärung erleichtern.

Genitalverstümmelung und Sexualität

Nicht alle genitalbeschnittenen Frauen leiden während des Geschlechtsverkehrs. Die „Hochzeitsnacht“ ist jedoch besonders für infibulierte Frauen mit großen Schmerzen verbunden und hinterlässt oft traumatische Erinnerungen. Eine Penetration ist kaum möglich, es sei denn der Mann öffnet den Scheideneingang mit einem scharfen Gegenstand. Dennoch gibt es auch infibulierte Frauen, die sexuelle Erfüllung erleben, da für sie nicht nur die Anatomie eine Rolle spielt (vgl. Fana Asefaw, 2017).
Auch Männer infibulierter Frauen können sexuelle Störungen wie Traumata, Libido- und Potenzstörungen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr erleben (vgl ebd.).

Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt

Infibulierte Frauen müssen rechtzeitig vor der Geburt ihres Kindes deinfibuliert werden, d.h. der künstlich verschlossene Scheideneingang muss geöffnet werden, damit das Gewebe bei der Geburt nicht aufreißt. Auch umfangreiche Untersuchungen während der Schwangerschaft sind bei infibulierten Frauen kaum möglich. Viele Frauen können sich die angemessenen medizinischen Maßnahmen nicht leisten und erleiden deshalb Komplikationen oder Totgeburten.

Soziale Folgen

Zu den sozialen Folgen von FGC zählt es beispielsweise, wenn Mädchen und Frauen wegen der körperlichen Beschwerden nach einer Genitalbeschneidung nicht regelmäßig zur Schule oder zur Arbeit gehen können und deshalb keine abgeschlossene Schul- oder Ausbildung vorzeigen können. Um finanziell abgesichert zu sein, müssen die Betroffenen bei der Familie bleiben oder werden verheiratet. Somit sehen sich von FGC Betroffene auch mit Zwangs- und Kinderehen, verfrühter Mutterschaft und häuslicher Gewalt konfrontiert. Es kommt auch vor, dass Überlebende von FGC für die gesundheitlichen Folgen des Eingriffs wie Harn- oder Stuhlinkontinenz, Menstruationsbeschwerden, Totgeburten oder Unfruchtbarkeit stigmatisiert und als verflucht beschimpft und von ihren Ehemännern verlassen werden.

Notwendigkeit weiterer medizinischer Behandlung

Viele Frauen, bei denen eine Genitalbeschneidung durchgeführt wurde, sind später auf die medizinische Behandlung der gesundheitlichen Einschränkungen sowie der chronischen Komplikationen angewiesen. Dazu zählen aber auch die Deinfibulation oder etwa vaginal-plastische Operationen bei Frauen, die sich ihren Ausgangszustand zurückwünschen und eine Rekonstruktion der Schamlippen/der Klitoris anstreben.
All die aufgezählten andauernden Spätfolgen lassen sich übrigens auch durch medikalisierte Eingriffe (also eine im Krankenhaus mit sterilen Instrumenten durchgeführte Genitalbeschneidung) nicht vermeiden.

Gründe für FGC

Warum werden Frauen und Mädchen in manchen Kulturkreisen beschnitten?

Die Gründe für das Durchführen der weiblichen Genitalbeschneidung sind genauso vielfältig wie die verschiedenen Arten der Eingriffe. Selbst innerhalb einer Gemeinschaft können sich die Methoden und Begründungen über die Jahre verändern. Die in verschiedenen Gesellschaftsordnungen, Wertesystemen und Regionen jedoch immer wieder gehäuft auftauchenden Argumente werden nun aufgezählt.

Tradition

Die Tatsache, dass FGC sich in einigen Gruppen als kulturelle Tradition etabliert hat, führte dazu, dass man sie heute als festen Teil der Lebensweise betrachtet, die nicht angezweifelt wird. Sonst müsste bisherige Werte und damit einhergehend das eigene Weltbild infrage stellen.

Heiratschancen und wirtschaftliche Vorteile

Unbeschnittene Frauen und Mädchen haben weniger aussichtsreiche Heiratschancen. In manchen Kulturkreisen, in denen FGC praktiziert wird, ist es außerdem üblich, einen sogenannten Brautpreis an die Familie der Braut zu zahlen. Dabei wird für ein beschnittenes Mädchen durchschnittlich mehr bezahlt, was manche Familien dazu zwingt, ihre Töchter aus Geldnot beschneiden zu lassen.

Medizinische Mythen

In manchen Kulturkreisen herrscht die Überzeugung, dass die weiblichen Genitalien unhygienisch sind, solange sie nicht beschnitten sind. Andere fürchten, dass man durch die Berührung der Klitoris unfruchtbar werde oder gar sterben könne. Weitere Mythen besagen, dass eine unbeschnittene Klitoris männlich ist und nicht aufhört zu wachsen, wenn man sie nicht beschneidet.

Religion

Weder das Christentum noch der Islam machen irgendwelche Vorschriften, die ihre Anhänger*innen zur weiblichen Genitalbeschneidung verpflichten. FGC wird von manchen Gläubigen leider trotzdem als religiöse Verpflichtung missverstanden, unter anderem weil es einflussreiche religiöse Persönlichkeiten gibt, die die Eingriffe befürworten.

Weiblichkeitsmythos

In manchen Kulturkreisen gilt die beschnittene Frau als Ideal von Schönheit, Weiblichkeit und Sittsamkeit. FGC gilt auch als feierliches Ritual zum Eintritt ins Erwachsenenalter. Es gibt zudem Mythen, die eine erhöhte Fruchtbarkeit nach der Genitalbeschneidung versprechen. Leider ist das Gegenteil der Fall, denn das hohe Infektionsrisiko bei beschnittenen Frauen kann sogar zur Unfruchtbarkeit führen. Auch eine Geburt wird nach der weiblichen Genitalbeschneidung zum Risiko, Kind und Mutter können dabei mit höherer Wahrscheinlichkeit sterben.

Unterdrückung der weiblichen Sexualität/Junfräulichkeitsideale

Die Beschneidung der weiblichen Genitalien wird jedoch hauptsächlich durchgeführt, um die Jungfräulichkeit eines Mädchens vor der Hochzeit zu erzwingen und zu beweisen und die Treue einer Ehefrau zu kontrollieren. Mädchen und Frauen werden für Männer beschnitten. Die Körper und die Sexualität der Frauen werden unterdrückt, ihre Treue und Jungfräulichkeit lassen sich dadurch jedoch nicht erzwingen.
Sich gegen FGC zu positionieren und auch die eigenen Töchter davor zu bewahren, ist also leider nicht ganz so einfach, wie es vielleicht scheint. Nicht beschnittene Mädchen und Frauen werden stigmatisiert, haben schlechtere Heiratschancen und sind damit auch finanziell nicht abgesichert. So fällt es wohlhabenderen bzw. finanziell unabhängigen Frauen wesentlich leichter, den Ausstieg aus der Tradition zu wagen. Außerdem hat es sich als Vorteil erwiesen, nicht mit der Großfamilie zusammen zu leben, wenn man vermeiden möchte, dass die eigenen Töchter der Praktik unterzogen werden. Personen aus der Verwandtschaft setzen sich nämlich oft durch und fordern die Beschneidung des betroffenen Mädchens ein oder führen diese gar heimlich und gegen den Willen der Mutter/der Eltern durch.

Jungenbeschneidung

Ab und zu werden von Gegner*innen der einen, sowie von Befürworter*innen der anderen Praktik, Argumente gebracht, bei denen FGC und die Jungenbeschneidung gleichgestellt werden. Auf menschenrechtlicher Ebene sind beide Traditionen eine Verletzung des Rechts nicht einwilligungsfähiger Kinder auf körperliche Unversehrtheit. Die Praktiken selbst lassen sich jedoch nicht miteinander vergleichen. Nur die selten praktizierte kleine Sunna, quasi die Vorstufe der Klitoridektomie, bei der ausschließlich die Vorhaut der Klitoris entfernt wird, ist mit der Entfernung der Penisvorhaut gleichzusetzen. Alle anderen Typen von FGC überschreiten die Schwere der Eingriffe an männlichen Genitalien. Typ I der weiblichen Genitalbeschneidung würde beim Mann/Jungen die Entfernung des gesamten Penis bedeuten. Bei Typ II würden zusätzlich die Hoden entfernt werden, dadurch wird Typ III auf männliche Genitalien unübersetzbar.

Manipulation der Genitalien in Wohlstandsgesellschaften

Die Manipulation der weiblichen Genitalien, die keiner medizinischen Notwendigkeit unterliegt, findet durchaus auch in Deutschland, Europa und in den USA Anwendung. Fana Asefaw schreibt in ihrem Buch „Weibliche Genitalbeschneidung“, dass die Klitoridektomie bis ins 19. Jahrhundert hinein in den USA und auch im deutschsprachigen Raum als Teil von Behandlungen in psychiatrischen Kliniken durchgeführt wurde. Bis in die 1980er Jahre wurde bei Frauen in den USA die Klitorisvorhaut entfernt, um eine diagnostizierte „Frigidität“ zu behandeln. Heute nimmt in Europa die Zahl derjenigen Mädchen und Frauen zu, die sich aufgrund unrealistischer, medial vermittelter Schönheitsideale wie etwa der sogenannten ‚Designervagina‘, die Schamlippen verkleinern lassen wollen. Diese Eingriffe, die Teil der kosmetischen Intimchirurgie sind, werden als Labioplastik bezeichnet. Inwiefern sich Frauen hierbei freiwillig dazu entscheiden, bleibt offen, da die Gesellschaft durch das Aufrechterhalten solcher Schönheitsideale (beispielsweise in Pornos) enormen Druck auf junge Frauen ausübt und der Wunsch, die Vulva in ein kindliches, präpubertäres Aussehen zurückformen zu wollen auch auf eine Körperwahrnehmungsstörung schließen lassen könnte. Die Praktik ist jedoch in Deutschland erlaubt und im Trend.

Lies Dir hier durch, welche Forderungen Terre des Femmes stellt, um dem Trend der medizinisch unnötigen Genitaloperationen entgegen zu wirken.

Viele intersexuelle Kinder werden auch heute noch nach der Geburt „geschlechtsangleichenden“ Operationen unterzogen, selbst wenn dafür keine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Das Bedürfnis des Personenumfelds, das Kind eindeutig dem Geschlecht „weiblich“ oder „männlich“ zuschreiben zu können, wird über dessen körperliche Unversehrtheit gestellt. Betroffene bereuen dies oft Jahre später und verwenden hier auch die Bezeichnung der genitalen Beschneidung oder gar der Verstümmelung.

Die Geschichte des eigenen Kulturkreises und die aktuelle Lage in der eigenen Gesellschaft kritisch zu durchleuchten und eine offene, respektvolle Debatte auf Augenhöhe zu erlauben, ist für einen kultursensiblen Dialog mit den Betroffenen wichtig.

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